Facebook MySpace Twitter Google Bookmarks RSS Feed 
Start News Aktuell Ansprache zum 1. August 2011
Ansprache zum 1. August 2011

Ansprache zum 1. August 2011

PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Jürg Schumacher   
Sonntag, den 31. Juli 2011 um 22:22 Uhr

Liebe Märstetterinnen und Märstetter
Liebe Gäste

Wir feiern am heutigen 1. August 2011 gemeinsam den 720. Geburtstag unserer Schweiz. Zeit – um über uns und über den künftigen Weg unseres Landes nachzudenken. Am meisten bewundert und beneidet werden wir Schweizerinnen und Schweizer von anderen Ländern für:

  • Frieden, Freiheit und Demokratie
  • Wohlstand  und Stabilität
  • Anstand und gegenseitiger Respekt
  • Solidarität gegenüber Minderheiten


Der Schweiz - „unserer Schweiz“ - ging immer dann besonders gut, wenn alle 4 Sprachregionen, die Städte und Dörfer, Alt und Jung zusammenhielten, wenn die Mächtigen den Schwachen geholfen haben – oder anders gesagt - wenn sich unsere Einwohnerinnen und Einwohner auch über die Alpen und den „Röstigraben“ hinweg unterstützt haben.


Damit begrüsse ich Sie auch im Namen des Gemeinderates ganz herzlich  hier in der „Weitsicht“ in Märstetten zu unserer traditionellen Bundesfeier.

Mit „Weitsicht“ ist anfangs August 1291 mit der Unterzeichnung des Bundesbriefs der Grundstein zur Eidgenossenschaft und zu unserer freien und unabhängigen Schweiz gelegt worden – ein Erfolgsmodell, welches bis heute Bestand hat.

Ein Erfolgsmodell mit Bestand ... ?
Hat unser politisches System wirklich noch Bestand ?


Eigentlich wollte ich keine politische 1.-August-Rede halten – aber unser Nationalfeiertag ist eben nicht nur ein kultureller Anlass mit farbigen Lampions, knackigen Bratwürsten und knallendem Feuerwerk. Nein – der Geburtstag unseres Landes soll uns jedes Jahr erneut zum Nachdenken und Mitdenken anregen.

Die Entwicklung unserer politischen Landschaft macht mir Sorgen.

Ich mache mir Sorgen darüber, ob unser Erfolgsmodell „Schweiz“ und unsere bewährte Demokratie auf längere Sicht weiterhin wird bestehen können. "Konkordanz ist mehr als ein nur Kuchen, der in 7 Stücke geteilt werden muss: Konkordanz ist der gemeinsame Wille, unser Land vorwärts zu bringen!" (Jürg Schumacher)

An allen Ecken und Enden wird an den bewährten und über  Jahrhunderte immer wieder optimierten Eckpfeilern unseres Staates gerüttelt. Besonders erschreckend ist es für mich, wenn dies dann ausgerechnet noch unter dem Deckmantel von „Heimatliebe“ und mit schon fast totalitären Methoden passiert.


„Demokratie ist eine Einrichtung, die es den Menschen erlaubt, frei zu entscheiden, wer an allem schuld sein soll.“
(unbekannter Autor)

Erinnern Sie sich noch an den Begriff vom „gut eidgenössischen Kompromiss“, den man früher in der Politik immer wieder hörte?

Während Jahrzehnten behandelte man auch den politischen Gegner mit Anstand und Respekt, hörte sich seine Argumente an und machte sich seine eigenen Gedanken dazu. Fast immer endete die Diskussion mit einem mehrheitsfähigen Kompromiss, der unser Land weiter brachte – in kleinen Schritten zwar, aber immerhin vorwärts. Ganz anders ist es heute: Die eidgenössische Politik der letzten Jahre dreht sich an Ort. Alle ziehen am gleichen Strick – nur leider in ganz verschiedene Richtungen.

Statt „miteinander“ heisst die Devise „gegeneinander“, statt den „gut eidgenössischen Kompromiss“ zu suchen, geht man lieber auf Konfrontationskurs zum politischen Gegner. Dies lässt sich medientechnisch auch viel besser ausschlachten.

„Die Demokratie erlaubt, frei zu entscheiden, wer an Allem schuld sein soll“:


Dazu einige plakative Aussagen von Politikern:

„Die AKW-Gegner und die Weiber im Bundesrat sind schuld daran, wenn wir bald keinen billigen Strom mehr haben!“
„Nein! Der Strom wird wegen der Strommarktliberalisierung teurer!“
„Die linken Sozialschmarotzer schaden unserer Wirtschaft!“
„Die Abzocker mit ihren Millionen-Boni ruinieren unsere Gesellschaft!“
„Die Ausländer sind schuld für verstopfte Strassen und Züge, hohe Mietpreise und für die Zersiedelung unseres Vaterlandes!“

Und ganz aktuell: „Der Chef der Nationalbank ist schuld am hohen Frankenkurs!“

Schuld sind immer die Anderen und Kompromisse bringen gar nichts  -  oder etwa doch ?


Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger

Ich sage jetzt etwas, was nicht Allen von Ihnen gefallen wird. Aber es muss gesagt sein – obwohl, oder - gerade weil wir heute den Geburtstag unseres Landes feiern: Zur Zeit marschieren auf Plakatwänden wieder schwarze Kampfstiefel gegen die Schweiz und versuchen, Angst, Schrecken und Ausländerhass zu verbreiten.

Mir macht nur eines Angst: Genau solche Plakate im exakt gleichen Stil hingen vor knapp 80 Jahren in Deutschland und hetzten die Einwohner gegen die Juden auf. Der verantwortliche Kopf hinter diesen Plakaten stammt übrigens aus Norddeutschland, heisst Alexander Segert und steht ganz offen dazu, dass er bewusst Sujets aus der Nazi-Zeit für seine Werbung verwendet.

Als Schweizer schäme ich mich für solche Plakate. Sie sind einer demokratischen und weltoffenen Schweiz unwürdig!


Wer solche Hetzkampagnen toleriert – und sei es auch nur durch Wegschauen, Schweigen und Nichtstun – macht sich mitschuldig! Die Aussage „wir Thurgauer sind ja anders“ hat endgültig ausgedient. Es ist Zeit, dass wir alle ein klares Zeichen gegen Rechtsextremismus zu setzen – wir können das! Richtige Schweizerinnen und Schweizer haben es nicht nötig, mit primitiven Plakatkampagnen auf sozial Schwächeren oder auf politisch Andersdenkenden herumzutrampeln!


Liebe Märstetterinnen und Märstetter

Es ist Brauch, dass man am 1. August einen Funken anzündet. Diese grossen und kleinen Feuer, die weit über Täler und Hügel leuchten, verbinden uns Schweizerinnen und Schweizer auf eine ganz spezielle Weise. Am 1. August stellt sich aber – so ganz nebenbei - auch die Frage, wie es eigentlich um das eigene, innere Feuer für unser Land steht. Ich meine damit das Feuer, welches von den Traditionen, Grundwerten und Gefühlen für unsere Schweiz lebt. Die typische „Schweizer Solidarität“ und Grosszügigkeit ist über Jahrhunderte Teil der unseres Denkens und Handelns geworden.
Die eindrücklichste 1.-Augustfeier durfte ich während eines Militärdienstes in Kandersteg erleben: Als nach und nach auf den höchsten und abgelegensten Berggipfeln des Berner Oberlandes ein Höhenfeuer ums andere aufflackerte und immer heller zu leuchten begann, bekam eine plötzliche eine Gänsehaut. Dieses Gefühl steht für „Heimat“, dies verbindet uns - und für solche Gefühle muss man sich als Schweizerin und Schweizer nicht schämen. Heute und jetzt brauchen wir ganz dringend eine neue Solidarität, ein neues „Miteinander“, ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl:

Wir brauchen die Grösse und den Willen, wieder anständig mit politisch Andersdenkenden umzugehen und die Bereitschaft, wieder für „gut eidgenössische“ Kompromisse Hand zu bieten. Nur so kommen wir aus der Blockade heraus und nur so werden wir die grossen sozialen, gesellschaftlichen und politischen Probleme der Zukunft gemeinsam lösen können.

Es ist Zeit, dass unsere Politik nicht mehr von Angstmacherei, Neid, Hass und von der Geltungssucht einzelner Parteistrategen bestimmt wird.

„Demokratie ist eine Einrichtung, die es den Menschen erlaubt, frei zu entscheiden, wer an allem schuld sein soll.“

Diese Demokratie gibt uns aber auch die einzigartige Möglichkeit, in einem Gespräch mit anderen Leuten herauszufinden, was eigentlich unsere Schweiz ausmacht, was uns verbindet und worauf wir stolz sein dürfen.

Uns geht es gut!
Nein – es geht uns sogar ausgezeichnet! Die Stärke des Schweizer Frankens mag für einzelne Wirtschaftsbereiche kurzfristig ein Nachteil sein, aber sie ist ein Abbild unserer stabilen und sicheren Gesellschaft.

Wir sind stark!
Unser Land ist stark! Mit diesem guten Gefühl können wir alle die aktuellen und die künftigen Herausforderungen selbstbewusst, anständig und mit offenem Herzen angehen. Wenn wir an diese Grundwerte glauben und uns dafür einsetzen, dann wird unser schönes Land, die kleine Schweiz, nicht nur eine grosse Vergangenheit, sondern auch eine grosse Zukunft haben. Ich wünsche Ihnen allen einen frohen 1. August !

Märstetten, 1. August 2011              Jürg Schumacher, Gemeindeammann

Ansprache zum 1. August 2011

 

 

Liebe Märstetterinnen und Märstetter, liebe Gäste

 

Wir feiern heute gemeinsam den 720. Geburtstag unserer Schweiz. Zeit – um über uns und über den künftigen Weg unseres Landes nachzudenken.

Bei Umfragen hat es sich gezeigt, wofür wir Schweizer im Ausland am meisten bewundert werden: 

- Frieden, Freiheit und Demokratie
- Wohlstand  und Stabilität
- Anstand und gegenseitiger Respekt
- Solidarität gegenüber Minderheiten

Schauen wir uns die über 700-jährige Geschichte unseres Landes etwas genauer an:

 

Der Schweiz - „unserer Schweiz“ - ging immer dann besonders gut, wenn alle Landesgegenden, Städte und Dörfer, Alt und Jung zusammenhielten, wenn die Mächtigen den Schwachen geholfen haben - kurz - wenn die Schweiz auch über Sprachgrenzen und „Röstigraben“ hinweg solidarisch war.

 

 

 

Damit begrüsse ich Sie auch im Namen des Gemeinderates ganz herzlich hier in der „Weitsicht“ in Märstetten zu unserer traditionellen Bundesfeier.

 

Mit „Weitsicht“ ist vor 720 Jahren anfangs August 1291 mit der Unterzeichnung des Bundesbriefs der Grundstein zur heutigen Eidgenossenschaft und zu unserer freien und unabhängigen Schweiz gelegt worden – ein Erfolgsmodell, welches bis heute Bestand hat.

 

Ein Erfolgsmodell mit Bestand ... ?

Hat unser politisches System wirklich noch Bestand?

 

Eigentlich wollte ich keine politische 1.-August-Rede halten – aber unser Nationalfeiertag ist jetzt eben nicht nur ein kultureller Anlass mit Lampions, Bratwürsten und Feuerwerk. Nein – der Geburtstag unseres Landes soll uns Alle jedes Jahr erneut zum Nachdenken anregen.

 

In den vergangenen Jahren habe ich immer mehr angefangen, zu zweifeln, ob unser Erfolgsmodell „Schweiz“ und unsere bewährte Demokratie auf längere Sicht weiterhin bestehen kann.

 

An allen Ecken und Enden wird an den bewährten und über Jahrhunderte immer wieder optimierten Eckpfeilern unseres Staates gerüttelt.

 

Besonders erschreckend ist es für mich, wenn dies dann ausgerechnet noch unter dem Deckmantel von „Heimatliebe“ und mit schon fast totalitären Methoden passiert.

 

Demokratie ist eine Einrichtung,

die es den Menschen erlaubt,

frei zu entscheiden,

wer an allem schuld sein soll.“ (anonymer Verfasser)

 

Kennen Sie noch den Begriff vom „gut eidgenössischen Kompromiss“?

 

Während Jahrzehnten behandelte man auch den politischen Gegner mit Anstand und Respekt, hörte sich seine Argumente an und machte sich seine eigenen Gedanken dazu. Fast immer endete die Diskussion mit einem mehrheitsfähigen Kompromiss, der unser Land weiter brachte – in kleinen Schritten zwar, aber immerhin vorwärts.

 

Ganz anders ist es heute: Die eidgenössische Politik der letzten Jahre dreht sich an Ort. Alle ziehen am gleichen Strick – nur leider in ganz verschiedene Richtungen.

 

Statt „miteinander“ heisst die Devise „gegeneinander“, statt den „gut eidgenössischen Kompromiss“ zu suchen, geht man lieber auf Konfrontationskurs zum politischen Gegner. Dies lässt sich medientechnisch auch viel besser ausschlachten.

 

Die Demokratie erlaubt, frei zu entscheiden, wer an Allem schuld sein soll“:

 

Dazu einige Stimmungsbilder:

 

  • Der Strom wird wegen der Strommarktliberalisierung teurer!“

  • Die AKW-Gegner und die Weiber im Bundesrat sind schuld daran, wenn wir bald keinen billigen Strom mehr haben!“

  • Die linken Sozialschmarotzer schaden unserer Wirtschaft!“

  • Die Abzocker mit ihren Millionen-Boni ruinieren unsere Gesellschaft!“

  • Die Ausländer sind schuld für verstopfte Strassen und Züge, hohe Mietpreise und für die Zersiedelung unseres Vaterlandes!“

  • Der Chef der Nationalbank ist schuld am hohen Frankenkurs!“

 

Schuld sind immer die Anderen,  und Kompromisse bringen gar nichts  -  oder etwa doch ?


Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

Ich sage jetzt etwas, was nicht Allen von Ihnen gefallen wird. 
Aber es muss gesagt sein – obwohl, oder - gerade weil wir heute den Geburtstag unseres Landes feiern:

Zur Zeit marschieren auf Plakatwänden wieder schwarze Kampfstiefel gegen die Schweiz und versuchen, Angst, Schrecken und Ausländerhass zu verbreiten. 

Mir macht nur eines Angst: 
Genau solche Plakate im exakt gleichen Stil hingen vor knapp 80 Jahren in Deutschland und hetzten die Einwohner gegen die Juden auf. Der verantwortliche Kopf hinter diesen Plakaten stammt übrigens aus Norddeutschland, heisst Alexander Segert und steht ganz offen dazu, dass er bewusst Sujets aus der Nazi-Zeit verwendet. 

Als Schweizer schäme ich mich für solche Plakate. Sie sind einer demokratischen und weltoffenen Schweiz unwürdig! 

Wer solche Hetzkampagnen toleriert – und sei es auch nur durch Wegschauen, Schweigen und Nichtstun – macht sich mitschuldig!

Die Aussage „wir Thurgauer sind ja anders“ hat endgültig ausgedient. Es ist Zeit, dass wir alle ein klares Zeichen gegen Rechtsextremismus zu setzen – wir können das!

Richtige Schweizerinnen und Schweizer haben es nicht nötig, mit primitiven Plakatkampagnen auf sozial Schwächeren oder auf politisch Andersdenkenden herumzutrampeln! 


Liebe Märstetterinnen und Märstetter

Es ist Brauch, dass man am 1. August einen Funken anzündet. 

Diese grossen und kleinen Feuer, die weit über Täler und Hügel leuchten, verbinden uns Schweizerinnen und Schweizer auf eine ganz spezielle Weise. 

Am eindrücklichsten war für mich eine 1.-Augustfeier während eines Militärdienstes in Kandersteg: Ich bekam eine Hühnerhaut, als nach und nach auf den höchsten und abgelegensten Berggipfeln ein Feuer ums andere aufflackerte und immer heller zu leuchten begann. Das ist „Heimat“, das verbindet uns - und für solche Gefühle muss man sich als Schweizerin und Schweizer nicht schämen.

Am 1. August stellt sich aber – so ganz nebenbei - auch die Frage, wie es eigentlich um unser eigenes, inneres Feuer für unser Land steht. Ich meine damit das Feuer, welches von den Traditionen, Grundwerten und Gefühlen für unsere Schweiz lebt.

Die sprichwörtliche „Schweizer Solidarität“ ist über Jahrhunderte Teil der unseres Denkens und Handelns geworden. 

Heute und jetzt  brauchen wir ganz dringend eine neue Solidarität, ein neues „Miteinander“, ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl: 
Wir brauchen die Grösse, wieder anständig mit politisch Andersdenkenden umzugehen und die Bereitschaft, wieder für „gut eidgenössische“ Kompromisse Hand zu bieten. Nur so kommen wir aus der Blockade heraus und nur so werden wir die grossen sozialen, gesellschaftlichen und politischen Probleme der Zukunft gemeinsam lösen können. 

Es ist Zeit, dass unsere Politik nicht mehr von Angstmacherei, Neid, Hass und von der Geltungssucht einzelner Parteistrategen bestimmt wird. 

 

Demokratie ist eine Einrichtung, die es den Menschen erlaubt, frei zu entscheiden, wer an allem schuld sein soll.“

Diese Demokratie gibt uns aber auch die einzigartige Möglichkeit, in einem Gespräch mit anderen Leuten herauszufinden, was eigentlich unsere Schweiz ausmacht, was uns verbindet und worauf wir stolz sein dürfen.

Uns geht es gut! 

Nein – es geht uns ausgezeichnet! Die Stärke des Schweizer Frankens mag für einzelne Wirtschaftsbereiche kurzfristig ein Nachteil sein, aber sie ist ein Abbild unserer stabilen und sicheren Gesellschaft. 

Wir sind stark! 

Unser Land ist stark! Mit diesem guten Gefühl können wir alle die aktuellen und die künftigen Herausforderungen selbstbewusst, anständig und mit offenem Herzen angehen. 

Wenn wir an diese Grundwerte glauben und uns dafür einsetzen, dann wird unser kleines Land nicht nur eine grosse Vergangenheit, sondern auch eine grosse Zukunft haben.

Ich wünsche Ihnen allen einen frohen 1. August !


Märstetten, 1. August 2011				Jürg Schumacher
Zuletzt aktualisiert am Montag, den 01. August 2011 um 10:38 Uhr